Vom Warten und Schreiben

Wie sich Wartezeiten im Schreibprozess nutzen lassen

Warten ist nicht gut für mich. Wenn ich warte, schreibe ich nicht. Und wenn ich nicht schreibe, werde ich ziemlich schnell unglücklich, weil ich mein schreibendes Ich verleugne. Klingt zu esoterisch? Dann vielleicht so: Meine neue Strategie lautet „schreiben statt warten“.

Die Psychologie des Wartens

Mit Wartezeiten im Schreibprozess meine ich keine Pausen, keine bewusste Erholung, sondern diesen giftigen Zustand, in dem ich all meine Energie und Aufmerksamkeit auf einen Menschen, eine Sache oder einen Zustand lenke, den ich nicht beeinflussen kann. Ich warte und frage mich, wann endlich das Ereignis eintritt, das den Zustand des Wartens beendet. Ich will wissen, warum das so lange dauert. Ich gräme mich. Ich fühle mich passiv und ohnmächtig.

Die gute Absicht hinter dem Warten

Die Auslöser, weshalb wir beim Schreiben unsere Zeit mit Warten verplempern, statt einfach weiterzuschreiben sind vielfältig.

Zum Beispiel warten wir auf

  • Zeit, um endlich so richtig mit dem Schreibprojekt beginnen zu können
  • Feedback von Schreibbuddys, Testlesern, Agenturen oder Lektoren
  • das neue Schreibprogramm oder den neuen PC

Viel interessanter finde ich die Frage, wie genau es eigentlich zu diesem Wartezustand kommt? Was ist die Motivation, die aus einem aktiven, selbstbestimmten Schreibenden, ein hilfloses, wartendes Häuflein Elend macht?

Meine Hypothese: Das Warte-Dilemma hat etwas mit unserem Streben nach Effizienz zu tun.

Denn eigentlich ist die Idee zu warten ja nachvollziehbar. Wir wollen linear arbeiten, einen Schritt nach dem anderen gehen, auf die Weise vorankommen, wie wir es kulturell und gesellschaftlich gewohnt sind. Wer möchte Zeit in eine Idee investieren, die sich als unbrauchbar herausstellt? Wer möchte an seinem Roman weiterschreiben, wenn ihm später gesagt wird, er hätte eine andere Erzählperspektive wählen sollen? Wer möchte auf dem Smartphone tippen, während der PC in Reparatur ist? Das ist nicht effizient, also erscheint die Lösung erstmal abzuwarten total plausibel und pragmatisch.

Der sich selbstverstärkende, negative Kreislauf von Wartezeiten

Meine bisherige Wartestrategie bestand darin, mir selbst zu sagen, nicht so ungeduldig zu sein und die Wartezeit einfach irgendwie auszuhalten. Diese Strategie hat nicht besonders gut funktioniert. Ich wurde ungeduldig, ich habe mich gestresst gefühlt, ich habe mich selbst für meine Ungeduld kritisiert (kann ja nicht so schwer sein! Viele Menschen müssen warten! Hab dich mal nicht so). Wartezeiten im Schreibprozess wurden so für mich zu sich selbstverstärkenden negativen Kreisläufen. Nicht schön.

Vor ein paar Tagen ist mir dann klargeworden, wo das Problem liegt und der Groschen ist mit einem ziemlich lauten –pling!– gefallen.

Warten ist nicht achtsam

Warten ist vielleicht sogar das Gegenteil von Achtsamkeit, schließlich bin ich wartend so gar nicht im Moment, so überhaupt nicht bei mir, so ganz und gar nicht wertfrei.

Eine neue Wartestrategie muss her

Wartezeiten kann ich nicht vermeiden. Sobald ich nicht mehr nur für mich allein schreibe, werde ich um Zeiten des Wartens nicht herumkommen. Alles, was beim Schreiben mehr als ein Blatt Papier und einen Stift beinhaltet, setzt Interaktion voraus. Mit anderen Menschen, mit Dingen, mit Zuständen. Daran werde ich nichts ändern können. Sehr wohl kann ich aber meine Einstellung dem Warten gegenüber ändern.

Um mein Wartedilemma aufzulösen, musste ich letztendlich nur zwei Schritte gehen.

  1. Schritt: anerkennen, was ist

In dem Moment, in dem ich angefangen habe, mich ernst zu nehmen, wahrzunehmen, was ist, war ich der Veränderung schon deutlich näher gerückt. Achtsamkeit hilft Wartesituationen besser zu bewältigen, nicht nur im Schreibprozess (hier ein interessanter Artikel aus der Psychologie Heute dazu).

  1. Schritt: Signale für Veränderung nutzen

Wenn mich in Zukunft das unschöne Gefühl heimsucht, im Schreibprozess auf etwas oder irgendjemand warten zu müssen, werde ich dieses Gefühl als Trigger für Veränderung nutzen. Machen statt warten, lautet die neue Devise.

  • PC kaputt? Schreibe ich eben per Hand.
  • Keine Zeit? Gibt es nicht. Wenn ich wirklich schreiben will, finde ich Zeit (dazu ein andermal mehr).
  • Ich warte auf Feedback zu einem Text? Schreibe ich eben einen anderen Text. Lyrik, eine Kurzgeschichte oder einen Blogartikel (zum Beispiel darüber, wie man mit Wartezeiten, besser umgehen kann ;-))

Wer wartet, verleugnet sein schreibendes Ich

Ich halte nichts von Schreibzielen. Jeden Tag 2.000 Wörter zu schreiben oder in einem Monat einen Roman, das erscheint mir nicht achtsam. Aber das Schreiben von äußeren Einflüssen zu entkoppeln, das halte ich für ein sehr gutes Schreibziel.

Wer Schreiben als Teil seiner Persönlichkeit definiert, verleugnet in schreibfreien Wartezeiten sein schreibendes Ich. Und das macht das Warten so schmerzlich. Am Ende geht es nicht um das konkrete Schreibprojekt, am dem ihr gerade arbeitet, sondern darum, euch selbst treu zu bleiben. Und wenn Schreiben ein Teil deiner Identität ist, kann ich dir nur eins ans Herz legen: schreib.

2 Kommentare bei „Vom Warten und Schreiben“

  1. Sehr spannende Gedanken zu dem Thema. Ich warte immer gefühlt so ewig, bis mein PC hochfährt, weil ich ihn nie ausmiste und er von Daten übervoll ist. Werde mal nachdenken, wie ich deine Ansätze da anwenden kann.

  2. […] Warten gehört zum Autorendasein dazu wie das Schreiben selbst. Lisa Quentin hat sich dem mal angenommen und das Thema hinterfragt, was bedeutet Warten, worauf wartet man, warum ist das so negativ? Hach, eine klasse Sichtweise auf das Thema! […]

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