Resilienz: Vom Schreiben, Scheitern und Weitermachen

Resilienz im Schreibprozess

Wer öffentlich schreibt, ist Kritik ausgesetzt. Und die Gefahr nach Kritik in eine Schreibkrise zu geraten ist groß. Viele Autoren schaffen es jedoch mit Kritik konstruktiv umzugehen, das Scheitern als Chance zu sehen und weiterzumachen. Wie sie das tun? Mit Resilienz.

Was ist Resilienz?

Resilienz ist die Fähigkeit eines Menschen, Krisen zu bewältigen, die eigene Handlungsfähigkeit wiederherzustellen und die Krise als Anlass zur Weiterentwicklung zu nehmen.

Das Minenfeld der Kritik während des Schreibprozesses

„Ich glaube, man muss anfangen, das Scheitern als gleichwertigen Teil der Arbeit zu betrachten.“

(Helene Hegemann, DIE ZEIT 41/18)

Wer sich entscheidet öffentlich zu schreiben, betritt unweigerlich die Arena des Scheiterns. Denn kritiklos schreiben, das ist kaum möglich. Sobald du anderen Menschen deinen Text und damit deine Gedanken präsentierst, musst du dich auf deren Meinungen, auf Ratschläge oder – im schlimmsten Fall – auf Verständnislosigkeit und Ablehnung gefasst machen.

Die Gefahr, beim Schreiben zu scheitern ist allgegenwärtig. Es kann jeden treffen, egal in welchem Stadium der individuellen Schreibentwicklung:

  • Die Bestseller-Autorin, deren Buch, an dem sie fünf Jahre lang geschrieben hat, von einem Literaturkritiker vor laufender Kamera medienwirksam in den Müll geschmissen wird.
  • Den Teilnehmer einer Schreibgruppe, der für den vorgestellten Text nur ein müdes Lächeln der anderen Teilnehmer erhält.
  • Die Buchbloggerin, deren Rezension bei ihren Lesern auf Unverständnis stößt.
  • Die Siebtklässlerin, deren Deutschlehrerin ihr mitteilt, ihre Geschichte hätte das Thema verfehlt.
  • Den Selfpublisher, der hämische Bewertungen bei Amazon erhält.

Wenn Kritik das Schreib-Aus bedeutet

Die Gefahr nach solch kritischen Momenten den Stift fallen zu lassen und das Schreiben an den Nagel zu hängen ist groß – und verständlich, schließlich ist Schreiben immer auch ein Ausdruck unserer persönlichsten Gedanken und Gefühle. Kritik am Geschriebenen empfinden wir deshalb häufig als Kritik an unserer Person.

Doch es gibt Autoren (und ich habe den Eindruck, es sind vor allem die erfolgreichen), die halten trotz Kritik am Schreiben fest. Sie schreiben weiter. Sie hören nicht auf damit. Sie folgen ihrem inneren Antrieb zu schreiben und nicht selten nehmen sie die Krise zum Anstoß für eine Weiterentwicklung. Wie schaffen sie das? Durch Resilienz.

Die gute Nachricht: Resilienz ist erlernbar

Seit den 1990er Jahren befasst sich die Psychologie intensiv mit der Resilienzforschung. Herausgekommen ist unter anderem, dass Resilienz genetisch bedingt ist. Das heißt, es gibt Menschen, die kommen mit einer ordentlichen Portion Resilienz auf die Welt, so wie andere mit langen Beinen oder einem hervorragenden räumlichen Vorstellungsvermögen.

Das bedeutet aber nicht, dass diejenigen, die ohne entsprechende genetische Disposition ins Leben gestartet sind, den Kopf in den Sand stecken müssen. Die Forschung zeigt nämlich auch, dass Resilienz erlernbar ist.

Wenn du also merkst, dass dich Kritik an deinem Text aus der Bahn wirft, du Kritik scheust oder du dein Geschriebenes aus Angst vor Kritik niemandem zu lesen gibst – dann lohnt es sich, an dir und deiner Resilienz zu arbeiten.

8 Anregungen für einen resilienten Umgang mit Kritik

Im Großen und Ganzen geht es beim Resilienz-Training darum, auf individuelle Ressourcen zurückzugreifen. Mit dem Ziel, die Krise als Chance statt Bedrohung wahrzunehmen. Natürlich ist es sehr individuell, welche Ressourcen du einsetzt, um deine Schreibkrise zu bewältigen.

Im Folgenden stelle ich dir acht Bewältigungsstrategien vor, die dir helfen sollen, die Schreibkrise zu bewältigen und aus der Kritik etwas Konstruktives mitzunehmen.

1.   Tue etwas ganz anderes

Im ersten Moment, wenn dich die Kritik hart getroffen hat, kann es helfen, den Stift beiseite zu legen, den Computer runterzufahren oder den Laptop zuzuklappen und erstmal etwas ganz anders machen: Spazierengehen, Trampolinspringen, einen Kuchen backen, Holz hacken, das Auto putzen. Distanz tut gut.

2.   Du schreibst nicht um dein Leben

Mache dir klar, dass das Schreiben nur ein Teilaspekt deines Lebens und deiner Persönlichkeit ist. Vermutlich hängt deine Existenz nicht von diesem Text ab. Natürlich ist es bitter, dass der Text, für den du so brennst, in den du so viel Zeit und Energie gesteckt hast, Kritik bekommen hat. Aber dieser Text, das bist nicht du. Vielleicht hilft es dir, wenn du dir vor Augen führst, was dich – neben dem Schreiben – ausmacht. Deine Fähigkeiten, deine Kompetenzen, deine Werte, deine Rollen, deine Verantwortungen. Dein Leben ist ein bunter Blumenstrauß.

3.   Es ist wie es ist

… statt „Wieso? Weshalb? Warum?“. Umso schneller du die Tatsache akzeptierst, dich mit der Kritik aussöhnst, umso schneller wirst du in der Lage sein, dich aus der Krise zu befreien.

4.   Reden hilft

Fast immer hilft es, mit jemandem über die Kritik zu reden. Am besten mit jemandem, der ebenfalls schreibt und die Tragweite der Kritik nachempfinden kann. Rede, schimpfe und weine vielleicht ein bisschen. Und dann überlegt ihr gemeinsam, wie es weitergeht.

5.   Das Scheitern gehört zum Schreiben

Wusstest du, dass „Im Westen nichts Neues“ über 120 Mal abgelehnt wurde, bevor Erich Maria Remarque einen Verlag gefunden hat? Und dass J. K. Rowling, nach ihrem Erfolg mit Harry Potter ebenfalls von Verlagen abgelehnt wurde, als sie ein Krimi-Manuskript unter einem Pseudonym einreichte? Der Verlag empfahl ihr, an einem Kurs für kreatives Schreiben teilzunehmen. In der Süddeutschen Zeitung gibt es dazu einen sehr aufbauenden Artikel, der dir eins ganz deutlich zeigt: Das Scheitern gehört zum Schreiben. Es ist ganz normal.

6.   Bleib dran

Nichts manifestiert eine Krise stärker als Passivität. Deshalb: Steh auf, schüttel dich, mach weiter. Und vergegenwärtige dir, was dir am Schreiben Freude bereitet. Warum es sich dafür lohnt, früher aufzustehen und länger wach zu bleiben. Führe dir vor Augen, was du am Schreiben liebst, wie es dich bereichert, wie es dich fordert und vorantreibt. Und das alles aufgeben, wegen ein bisschen Kritik? Niemals!

7.   Analysiere die Kritik

Sobald du wieder etwas gefestigt bist, versuche herauszufinden, warum du gescheitert bist. Auch wenn es weh tut, schau dir die Kritik noch einmal genau an. Setze dich damit auseinander, gerade mit den Kritikpunkten, die besonders schmerzlich sind. Jetzt, mit etwas Abstand, kannst du vielleicht erkennen, was an der Kritik berechtigt war. Diese Erkenntnis wandelst du in eine Aktion um und machst es beim nächsten Mal anders.

8.   Bewahre deine Freiheit, auch Aufhören ist eine Option

Ich halte nichts davon, auf Biegen und Brechen an einem einmal gesteckten Ziel festzuhalten. Wenn dich die Kritik ermüdet, wenn du merkst, dass dir der Weg zu steinig ist und das Ziel zu weit weg erscheint, dann ist es absolut in Ordnung, eine Pause mit dem Schreiben zu machen. Wenn es an der Zeit ist, wirst du weitermachen oder einen neuen Versuch starten – vertraue dir.

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