Leseerwartungen – von Wunsch und Wirklichkeit

Wie umgehen mit Leseerwartungen?

Leseerwartungen, also die Erwartungen, die ich an ein bestimmtes Buch hege, sind heikel. Nicht selten werden sie enttäuscht und die Enttäuschung mündet in Kritik oder Selbstzweifel. Doch es gibt einen anderen Weg mit enttäuschten Leseerwartungen umzugehen. Welchen, das liest du hier.

Was tun, wenn Leseerwartungen nicht erfüllt werden?

Gerade habe ich wieder ein Buch beendet, an das ich große Erwartungen hatte. „Der Freund“ von Sigrid Nunez sollte freundlich und fröhlich sein, mich unterhalten, dabei aber sprachlich interessant und inhaltlich überraschend. Doch leider konnte der Roman meine Leseerwartungen nicht erfüllen. Obwohl ich das, was viele Leser an diesem Buch begeistert, durchaus nachvollziehen kann, ist der Funke zwischen dem Buch und mir nicht übergesprungen.

Schon während der Lektüre ist mir aufgefallen, dass meine Enttäuschung nicht am Buch selbst liegt, sondern in meinen Leseerwartungen begründet ist. Und ich habe beschlossen: Es wird höchste Zeit, dass ich mich mit diesen auseinandersetze.

Woher kommen meine Leseerwartungen?

Fangen wir doch mal ganz vorne an: Woher kommen eigentlich meine Erwartungen?

Ich denke, aus meinen ersten Berührungspunkten mit dem Buch. Diese sind zum Beispiel:

  • Das Cover: Die Gestaltung weckt Erwartungen, sie knüpft an vorherige Erfahrungen an.
  • Der Klappentext: Wie der Verlag sein Buch präsentiert, schürt große Erwartungen. Und immer wieder erlebe ich leider, dass der Klappentext den Inhalt eines Buches stark verzerrt oder auf eine Weise pointiert, dass ich das Buch später darin kaum wiedererkenne.
  • Rezensionen/Empfehlungen: Die Meinung anderer Leser beeinflusst meine Leseerwartung stark. Vor allem professionelle Rezensionen wecken bei mir große Erwartungen.
  • Preise/Awards: Literaturpreise setzen meine Erwartungen an ein Buch besonders hoch, schließlich gehe ich davon aus, dass mehrere Experten diesen Titel bewertet und für herausragend befunden haben.
  • Meine bisherigen Leseerfahrungen: Auch meine bisherigen Leseerfahrungen, meine Lesevergangenheit sozusagen, prägt meine Erwartungen. Ich reagiere auf Stichworte aus Rezensionen oder dem Klappentext, rufe vergangene Leseerfahrungen ab und konstruiere mir ein Bild des Buches.

All diese Berührungspunkte, die ich mit einem Buch habe, formen meine Erwartungen an den Inhalt – lange bevor ich auch nur den ersten Satz  gelesen haben. Dabei, und das ist das Spannende, geht es um eine Wechselwirkung zwischen Erfahrungen und Vorstellungen. Der Autor und sein Werk haben bis zu diesem Punkt nichts damit zu tun.

Der Clash: Leseerwartung trifft auf Realität

Sobald ich das Buch aber in den Händen halte und beginne zu lesen, treffen all diese Erwartungen, die aufgrund des Covers, des Klappentextes, der Rezensionen und Empfehlungen anderer entstanden sind, auf den eigentlichen Text.

Armer Autor, armes Buch.

Anfänglich gebe ich mir noch Mühe, das Buch toll zu finden. Doch nach und nach schwindet meine Begeisterung für den Text und irgendwann ist der Moment gekommen, in dem ich mir eingestehe: Ich mag es nicht.

Dann kann ich das Buch weglegen oder mich bis zum Ende durcharbeiten, wahrscheinlich mit wechselnden oder sogar negativen Gefühlen.

Ich, meine Erwartungen, das Buch und die anderen

Wenn ich das Buch, in welcher Form auch immer, beendet habe, bleibt ein Problem: Der Vergleich mit den positiven Rezensionen, den Awards, dem Klappentext. Die Differenz zwischen mir und den anderen.

Bei enttäuschten Leseerwartungen plagen mich meistens erstmal Selbstzweifel. Warum sehe ich nicht, was scheinbar alle anderen sehen?

Wenn ich aber hier ansetze und den Vergleich konstruktiv nutze, habe ich die Gelegenheit zu wachsen. Indem ich bei mir bleibe, mich damit auseinandersetze, welche Leseerwartungen ich hatte und welche Leseerfahrungen ich aktiviert habe, kann ich eine Menge über mich lernen.

Mein Fazit: Jedes Buch ist eine Einladung

Wie bei der Relektüre gibt mir das Buch eine Projektionsfläche meiner Identität. Welche Themen sprechen mich an? Welche lassen mich kalt? Was sagt meine Leseerwartung über meine momentane Verfassung aus? Welche Bedürfnisse habe ich, die das Buch befriedigen sollte?

Jedes Buch ist eine Einladung zur Auseinandersetzung mit sich selbst – auch das enttäuschende Buch.