Das Leben und das Schreiben – Stephen King

Das Leben und das Schreiben von Stephen King

Den vielgelobten Schreibratgeber „Das Leben und das Schreiben“ von Stephen King habe ich mit gemischten Gefühlen gelesen. Den autobiografischen Teil fand ich oberflächlich, den Teil über das Schreiben zu Beginn  wenig konstruktiv. Als ich aber gerade anfangen wollte, Das Leben und das Schreiben so richtig doof zu finden, überraschte mich King mit einigen wertvollen Hinweisen.

Autobiografie: distanziert und wenig sympathisch

Das Leben und das Schreiben ist in zwei Teile gegliedert: Im ersten Teil des Buches beschreibt Stephen King seine Kindheit in ärmlichen und unsteten Verhältnissen. Seine Jugend, seine Zeit auf dem College, das Kennenlernen seiner Frau, seinen Durchbruch mit „Carrie“, seine Alkoholsucht und den Entzug.

Es wird deutlich, dass das Schreiben in Stephen Kings Leben seit seiner Kindheit eine zentrale Rolle spielt und auch, dass er auf seinem Weg zum Erfolg einige Rückschläge einstecken musste. Den Menschen Stephen King haben mir diese 120 Seiten jedoch nicht näher gebracht. Die Selbstbeschreibungen blieben distanziert, cowboymäßig cool und mir – tut mir leid – unsympathisch.

Schreibratgeber: Das Leben und das Schreiben

Zu Beginn des zweiten Teils, dem eigentlichen Schreibratgeber, fühlt Stephen King sich berufen, Schreibende in schlechte Autoren, passable, gute Autoren und Genies zu kategorisieren. Seiner Meinung nach gibt es „Unmengen von schlechten Schreibern“ und er hält fest:

„Wenn Sie ein schlechter Schriftsteller sind, kann Ihnen niemand dabei helfen, ein guter Autor zu werden, ja nicht mal ein passabler. Wenn Sie gut sind und hervorragend werden möchten – vergiss es!“

Woher Stephen King dieses Wissen nimmt, verrät er nicht. Immerhin sieht er aber Chancen für passable Autoren mit Hilfe seines Schreibratgebers und viel harter Arbeit zu einem guten Schriftstellern zu werden. Wie nett.

An diesem Punkt hätte ich das Buch gerne zugeklappt und in den nächsten öffentlichen Bücherschrank gestellt. Seit wann kann man Autoren clustern? Gut, mittel, schlecht? Ist Kreativität nicht immer ein Prozess? Geht es beim Schreiben nicht gerade darum, sich selbst und sein Handwerkszeug mit jeder Zeile weiterzuentwickeln? Gegenläufiger zu meiner eigenen Einschätzung hätten Kings Ausführungen nicht sein können.

Schreiben lernen mit Stephen King

Kapitelweise verrät Stephen King auf den nächsten 130 Seiten dann seine besten Schreibtipps. Die Kapitel sind unterschiedlich lang, nur grob gegliedert und haben keine Hervorhebungen oder typografische Feinheiten.

Stark zusammengefasst sagt Stephen King darin folgendes:

  1. Autoren sollten viel lesen.
  2. Es ist wichtig, kontinuierlich zu schreiben. In diesem Kapitel findet sich auch der oft herangezogene Maßstab, jeden Tag 2.000 Wörter zu schreiben. Für den Anfang empfiehlt er 1.000 Wörter, nicht weniger, sonst würde „die Geschichte an Unmittelbarkeit und Dringlichkeit verlieren.“
  3. Autoren sollten isoliert und konzentriert schreiben, sich während ihrer Schreibzeiten nicht ablenken lassen und sich strikt an das gesetzte Schreibziel halten.
  4. Bei der Wahl des Themas rät King dazu, über das zu schreiben, was man kennt. („Auch Sie haben ein Spezialgebiet, das Sie einzigartig macht. Seien Sie mutig!“)
  5. Zum Thema Plotting rät er, nicht, oder nur grob zu plotten, sonst wirkt die Geschichte am Ende zu konstruiert. Er ist überzeugt davon, „dass sich Geschichten in erster Linie selbst erschaffen.“
  6. Die Beschreibungen von Personen und Orten sollten gut dosiert sein: „Schwache Schilderungen hinterlassen beim Leser ein konfuses Gefühl und unscharfes Bild. Zu viel Beschreibung hingegen erschlägt ihn oder sie mit Details und Bildern.“
  7. Bei Dialogen sollten Autoren darauf achten tatsächliche Sprache wiederzugeben: „Glaubwürdigkeit ist der Schlüssel zu guten Dialogen“, so King.
  8. Die Konzeption der Figuren ist laut Stephen King das A und O einer Geschichte: „Ich glaube, die besten Stoffe handeln am Ende immer mehr von den Figuren als von dem Geschehen, das heißt die Figuren sind die treibende Kraft.“
  9. Tipps zur Überarbeitung: King empfiehlt, zwischen der ersten und zweiten Fassung sechs Wochen Pause zu machen. So lange, bis sich das Geschriebene fremd anfühlt und der Autor einen halbwegs objektiven Blick auf sein Werk zurückgewonnen hat. Diesen Aspekt fand ich einleuchtend. Halbwegs sympathisch schreibt King dann weiter, dass „es streng verboten“ wäre, sich Vorwürfe zu machen, wenn man in der Überarbeitung des Textes Plotlöcher oder Ähnliches findet. „Bockmist passiert den Besten von uns.“ Des Weiteren geht es in der Überarbeitung darum, die Symbolik und Thematik eines Textes herauszuarbeiten, unnötige Seitenstränge zu kappen und die Handlung zu verdichten. Als Orientierung nennt er die Formel: 2. Fassung = 1. Fassung – 10 %.
  10. Zum Thema Recherche rät er, sie gering zu halten und nur das nötigste in die Geschichte einfließen zulassen. Schließlich interessieren sich die Leser für die Geschichte und nicht für die Recherche.

Abschließend gibt er noch einige Tipps, wie eine Veröffentlichung des Buches gelingen kann. Darauf will ich nicht näher eingehen, da man seine Ausführungen meiner Meinung nach nicht auf den deutschen Buchmarkt im Jahr 2019 übertragen kann.

Sprache und Aufbau des Schreibratgebers

Insgesamt fand ich den Schreibratgeber-Teil interessant und vieles einleuchtend. Was aber auch in den hilfreicheren Parts blieb, war die derbe, schnodderige Sprache, die ich im Gegenteil zu vielen anderen Rezensenten nicht als „humorvoll“ oder „ehrlich“ empfunden habe, sondern als herabsetzend und destruktiv.

Auch zum Aufbau des Schreibratgebers kann ich nichts Gutes sagen. Stephen King bringt in Das Leben und das Schreiben sehr viele Zitate, Rückgriffe auf eigene Werke oder auf die anderer Autoren, die ich nicht kannte. Die vielen Versatzstücke machen den Ratgeber unübersichtlich und nicht selten fragte ich mich am Ende eines Kapitels, was eigentlich dessen zentrale Aussage war.

Mein Fazit

Insgesamt wirkt Das Leben und das Schreiben auf mich, als hätte King dieses Buch für sich selbst geschrieben, als eine autobiografische Reflexion seines Schreibprozesses. Er beschreibt seinen Schreibprozess, das, was für ihn funktioniert, und postuliert seine Erfahrungen als allgemeingültigen Fahrplan zum „guten Schreiben“.

Damit habe ich ein Problem. Ich sehe Schreiben als individuellen Prozess. Wenn es einen Schlüssel zum Erfolg gibt, liegt er meiner Meinung nach in der Achtsamkeit. Wenn ich mich und meinen Schreibprozess achtsam hinterfrage, werde ich ganz automatisch auf den für mich richtigen Weg gelangen. Ob am Ende der kreativen Reise ein kommerzieller Erfolg steht, sei dahingestellt. Sicher ist aber, dass beim achtsamen Schreiben jede Zeile ein persönlicher Erfolg ist, weil sie mich mir selbst näherbringt.

Das Buch: Das Leben und das Schreiben. Stephen King. Heyne, 2002. ISBN: 978-3453199279.

Schreibe einen Kommentar