Warum ich mir keine Schreibziele mehr setze

Schreibziele machen nicht immer Sinn

Immer wieder lese ich in Schreibratgebern, wie wichtig es ist, sich tägliche Schreibziele oder Wörterziele zu setzen. Es heißt, nur mit einer klaren Fokussierung auf Schreibziele kann die Schreibroutine verinnerlicht werden. Ich habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass sich Ziele mit Selbstvertrauen statt Selbstoptimierung genauso gut erreichen lassen.

Der Jo-Jo-Effekt beim Schreiben

Ich habe es in der Vergangenheit ein paar Mal versucht: mir Wörter- und Schreibziele gesetzt, mir Tabellen gebastelt, die meinen Fortschritt protokollierten. Und manchmal lief es auch ganz gut, ich konnte nach ein paar Tagen auf ein Diagramm schauen und war ein bisschen stolz oder zumindest beruhigt, dass ich das geschafft hatte, was der Schreibratgeber empfohlen hatte und worüber viele Hobbyautoren so begeistert in den sozialen Medien berichten.

Doch schon nach kurzer Zeit ist mir das Leben in meine schöne Tabelle gegrätscht. Das Kind wurde krank, ein Geburtstag stand vor der Tür, wir haben Besuch bekommen oder ich war nach einer Nacht mit einem zahnenden Baby so müde, dass ich es am nächsten Tag nicht schaffte, das gesteckte Schreibziel zu erreichen.

Und selbst wenn das äußere Hindernis überwunden war, hatte ich Probleme wieder in Fahrt zu kommen. Das Wörterziel war in weite Ferne gerückt, meine Statistik ruiniert und viel zu viel meiner Energie floss dahin das „schlechte“ Ergebnis vor mir selbst zu rechtfertigen.

Es war wohl so etwas wie ein Jo-Jo-Effekt. Kaum kam ich meinen guten Vorsätzen nicht mehr nach, rutschte ich ins Gegenteil und schrieb noch weniger als zuvor.

Jeder Schreibprozess ist individuell

Warum ich mir für private Schreibprojekte heute keine Schreibziele oder Wörterziele mehr setze? Kurz gesagt: Weil sie mich stressen. Und unter Stress schreibe ich nicht mehr und ganz sicher nicht besser. Natürlich gibt es Autoren, denen dieser Druck guttut. Die nur wirklich in Fahrt kommen, wenn sie merken, es ist schon fünf vor zwölf. Für diese Autoren sind klar definierte Schreibziele sicherlich eine effektive Methode. Und während des NaNoWriMo laufen sie zu Hochtouren auf (zur Erklärung: NaNoWriMo ist die Abkürzung für den „National Novel Writing Month“, ein weltweites Schreibprojekt, bei dem sich Autoren zum Ziel setzen innerhalb eines Monats einen Roman mit 50.000 Wörter zu schreiben).

Für mich funktionieren Schreibziele jedoch nicht. Mir das einzugestehen war nicht ganz einfach, weil es sich im ersten Moment wie ein Versagen anfühlte. Wieso schaffen die anderen das? Wie können Menschen in einem Monat 50.000 Wörter schreiben? Warum gelingt es mir nicht?

Diese Fragen haben mich nicht weitergebracht. Denn es kommt nicht darauf an, herauszufinden, wie und warum andere Autoren etwas schaffen, sondern darum, die eigenen Möglichkeiten, Fähigkeiten und Bedürfnisse ganz individuell auszuloten. Sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und den eigenen kreativen Prozess kennenzulernen.

Mittlerweile weiß ich, dass mein Schreibprozess nicht linear verläuft. Dass ich häufig zwei Schritte vor und einen zurück gehe und dass ich es auch auf diese Weise schaffe, meine Ziele zu erreichen. Seitdem ich mir eingestanden habe, dass das mein Weg ist, auch wenn er in keinem Schreibratgeber zu finden ist, schreibe ich glücklicher.

Dialog statt starrer Schreibziele

Natürlich plane auch ich erst meine Texte, dann schreibe ich und später redigiere ich sie. Aber ich würde diese drei Schritte heute nicht mehr so dogmatisch voneinander trennen, wie es manche Schreibratgeber verlangen.

Wenn ich nicht weiterkomme, wenn der Text hakt und ich merke, hier stimmt irgendetwas nicht, ich die Ursache aber noch nicht greifen kann, gibt es zwei Möglichkeiten, woran es liegen könnte:

  1. am Text
  2. an mir

Bleibe achtsam dem Text gegenüber

Wenn ich die Vermutung habe, dass es am Text selbst liegt, stelle ich mir folgende Fragen, um dem Problem, das den Widerstand verursacht, auf die Spur zu kommen.

Arbeite ich gerade an einem literarischen Text, kann ich mich zum Beispiel fragen:

  • Plot: Kenne ich den ungefähren Verlauf der Geschichte? Muss ich recherchieren, um weiterschreiben zu können? Bauen die Szenen oder Sequenzen aufeinander auf? Kann ich die Prämisse des Textes in zwei, drei Sätzen zusammenfassen?
  • Figuren: Kenne ich alle Figuren gut genug? Habe ich ihre Ziele und Konflikte ausreichend herausgearbeitet? Handeln sie stringent und logisch?
  • Erzählperspektive: Zahlt die Perspektive auf die Geschichte ein, die ich erzählen will? Wäre eine andere Perspektive denkbar?

Schreibe ich gerade einen Artikel, hilft es mir, mich zu fragen:

  • Inhalt: Habe ich ausführlich und gründlich recherchiert? Weiß ich, worüber Mitbewerber schreiben? Gibt es Aspekte, die ich bislang nicht aufgegriffen habe?
  • Aussage: Weiß ich, worauf ich mit diesem Text hinaus will? Hat mein Artikel eine klare Aussage?
  • Gliederung: Ist mein Text ordentlich gegliedert? Hat er eine Einleitung, einen Hauptteil, einen Schluss? Bauen meine Argumente aufeinander auf? Habe ich vielleicht Argumente vermischt?

Anhand dieser Fragen komme ich dem eigentlichen Problem, das den Widerstand verursacht, meist ganz gut auf die Spur. Dieses kann ich dann beheben, zum Beispiel indem ich eine Figur weiter ausarbeite, Hintergründe umfassender recherchiere oder mir vergegenwärtige, was ich mit dem Text eigentlich bewirken will.

Bleibe achtsam dir selbst gegenüber

Ergibt die Textanalyse nichts, wird es richtig spannend. Dann liegt der Widerstand nämlich im Kopf statt im Text. Hilfreiche Fragen, um der Ursache des Widerstands auf die Spur zu kommen, sind zum Beispiel:

  • Hat sich mein innerer Kritiker zu Wort gemeldet? Was sagt er mir? Woher kenne ich diese Worte? Was könnte ich ihm erwidern?
  • Kann ich mich mit dem Text identifizieren, den ich gerade schreibe? Behandele ich darin ein Herzensthema?
  • Welche Erwartungen habe ich ans Schreiben? An diese Geschichte? Für wen schreibe ich sie? Was gewinne ich durch den Schreibprozess?
  • Vergleiche ich mich und meinen Text mit anderen? Hilft mir dieser Vergleich?

Nicht jede Methode ist für jeden Autor gut

Die Fragekataloge sind beliebig erweiterbar. Auch sie sind nicht dogmatisch zu verstehen, sondern sollen dir eine Anregung geben, in welche Richtung du denken könntest, wenn du an einem selbstgesetzten Schreibziel scheiterst.

Mir ist klar, dass es bei Wortzielen oder dem NaNoWriMo auch darum geht, den inneren Lektor abzuschalten und einfach zu schreiben, schreiben, schreiben. Und wie gesagt, es gibt Autoren, für die funktionieren Wörterziele gut.

Die vielen anderen möchte ich ermutigen, ihren eigenen, individuellen Weg zu finden. Denn so unterschiedlich die Texte sind, die wir schreiben, so unterschiedlich ist auch der Weg dahin. Nicht jede Methode ist für jeden Autor gut.

2 Kommentare bei „Warum ich mir keine Schreibziele mehr setze“

  1. […] wie ich mir keine Schreibziele setze, werde ich mir auch keine Leseziele setzen. Bücher sind für mich keine Parameter, die ich […]

  2. […] halte nichts von Schreibzielen. Jeden Tag 2.000 Wörter zu schreiben oder in einem Monat einen Roman, das erscheint mir nicht […]

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